Meine alte Küche hatte längst ausgedient. Glich sie doch eher einer studentischen Behelfskombüse und bestand zum Teil aus zusammengewürfelten Schränken, Regalen und Elektrogeräten. Trotzdem zauberte ich als passionierter Hobbykoch in diesem Raum die leckersten Gerichte und backte was das Zeug hielt. Oft glichen  meine Stunden in der Küche einer Zirkusjonglage. Fehlten mir doch genügend Arbeitsflächen und Stauräume. So landeten nicht selten Töpfe zum Abstellen auf dem Boden oder die Teller mit angerichteten Speisen in der Spüle, um Platz für Weiteres zu schaffen. Ich hatte mich in diesem Chaos zurechtgefunden und meine Küche irgendwie lieb gewonnen. Dennoch wurde es nun Zeit, etwas Neues zu beschaffen.

Los ging die Odyssee durch die Möbelhäuser der Region. Insbesondere das große skandinavische Möbelhaus durfte hier nicht fehlen. Gerade am Wochenende erwartet einen dort der Untergang des Abendlandes. Horden von Menschen schieben sich durch die Ausstellungshallen und verbringen hier ihre Samstage mit anschließendem Hackbällchen- oder Hot-Dog-Schmaus im Restaurant. Völlig verzweifelte Väter stehen mit quengelnden Kindern an der Hand in der Ecke der Dekoabteilung, während sich die Gattin über Duftkerzen, Teelichter, Blumenvasen und Zimmerpflanzen hermacht. Die Kinderbetreuung gibt es in Pandemiezeiten natürlich nicht mehr. So ist der Besuch nicht nur für mich eine Geduldsprobe, sondern auch die vielen gelangweilten Kinder an den Händen ihrer Eltern sowie eben diese tun mir leid. 

In der Corona-Pandemie haben die Deutschen ihre Umbaulust wiedergefunden. Überall wird gebaut, gewerkelt und neu angeschafft. Das macht sich auch bei der Auswahl und den Lieferzeiten der Möbel bemerkbar. Man möchte oft meinen, wir leben in Planwirtschaft und müssen nach der Bestellung Jahre auf das neue Möbelstück warten. So grenzte sich die Auswahl an Küchen, die schnell lieferbar waren, merklich ein. Zumal es aus Platzgründen eher eine Küchenzeile und keine Einbauküche werden sollte. Auch bei den Elektrogeräten hatte ich meine Sonderwünsche. Die mitgelieferten Herde und Backöfen entsprachen meinen  Ansprüchen einfach nicht. Also würfelte ich eine Küche aus einzelnen Schränken und Elektrogeräten zusammen, um sie selbst mit meinem Vater aufzubauen. 

Doch ich hatte die Rechnung ohne das „System“ gemacht, welches hinter jedem Möbelstück dieses Unternehmens steht. Die Auswahl der Arbeitsplatten gefiel mir nicht und ich entschied mich, mir eine neue Platte nach meiner Wahl aus dem Baumarkt zu besorgen. Aber: Herkömmliche Arbeitsplatten passen nicht auf diese Schränke. Für dieses skandinavische Möbelhaus werden spezielle Arbeitsplatten hergestellt, die etwas tiefer sind. Gut, dass ich gefragt hatte. 

Im Zusammenschrauben der Einzelteile war ich erprobt und hatte sehr schnell Erfolge zu vermelden. 

Dann ging es an das Aufstellen und das Drama nahm seinen Lauf. Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll, um unser mehr als 3 wöchiges Martyrium zu beschreiben. Schließlich ging ich auch noch meiner Arbeit nach und hatte nur in meiner Freizeit die Muße, mit meinem Vater die Küche aufzustellen. Zunächst begannen wir mit den Anschlüssen für die Spüle und die Spülmaschine. Schnell stellten wir fest, dass die bestellte Spüle nicht in den aufgebauten Schrank passte, weil Querverstrebungen im Wege waren. Eine Stichsäge half schnell, den Schrank passend zurechtzustutzen. Danach stellten wir fest, dass die Befestigung der Spüle an der Arbeitsplatte mit den mitgelieferten Klammern kaum möglich ist, weil die Reste der Querverstrebungen immer noch im Weg waren. Wir vertagten dieses Problem und die Stichsäge verschwand erst einmal in ihrem Koffer.

Auch Anschlüsse der markenfremden Spülmaschine harmonierten nicht mit dem Schrank, in dem der Siphon (Verbindung zwischen Spüle und Abfluss) und die Spüle untergebracht waren. Der Schrank musste erst wieder ordentlich zurechtgesägt werden. Wer schon einmal einen Siphon des skandinavischen Möbelhauses angeschlossen hat, weiß, wovon ich spreche. Ein Sammelsurium aus Muffen, Tüllen, Rohren und Schläuchen muss miteinander kombiniert werden. Außerdem müssen Löcher geschnitten und durchstoßen werden, damit überhaupt das Wasser abfließen kann. Welcher Narr denkt sich solch ein menschenverachtendes System aus? Es scheint gerade so, als möchte man den Menschen eine Lektion erteilen: „Hättest du mal besser unseren Aufbauservice mitgebucht, dann bliebe dir dieser Ärger erspart!“

Dazu muss ich allerdings sagen: Mein Vater ist ein handwerkliches Ass. Er kann alles. Sägen, Hämmern, Reparieren, Tapezieren, Elektro- und Wasseranschlüsse, Fliesenlegen und alles andere, was das Haus verlangt. Selbst er war oft am Rande des Nervenzusammenbruchs beim Aufbau dieser Küche.

Als nächstes hatten wir uns das Einsetzen des Induktionsfeldes und Backofens vorgestellt. Natürlich passte der markenfremde Backofen nicht in den Schrank. Das hätten wir beim Spiel mit der Spülmaschine und des Siphons schon erahnen können. Die eifrig weggepackte Stichsäge erlebte ein schnelles Comeback. Vom Schrank für den Herd blieb nach dem Zurechtsägen nicht mehr viel übrig außer der Unterbau. Alles andere war weggesägt. Aus den ganzen Holzresten hätte man noch einen weiteren Schrank zusammenbauen können. 

Am Folgetag waren wir uns sicher, dass mit dem Aufhängen der Schränke ein paar Erfolgserlebnisse verbunden waren.

Der erste Schrank hing nach kurzer Zeit. Der nächste Hängeschrank sollte mit der Dunstabzugshaube verschraubt werden, die ich im übrigen beim Möbelhaus mitbestellt hatte. Obwohl beides füreinander hergestellt war, passten die Bohrlöcher der Haube nicht zum Schrank. Mit einem Stahlbohrer bewaffnet, bohrten wir neue Löcher, um die Haube überhaupt nutzen zu können. Schnell hatten wir die Haube unter dem Schrank befestigt, um dann festzustellen, dass für den Stromanschluss abermals der Schrank zurechtgeschnitten werden und die Haube erst wieder entfernt werden musste. An diesem Tag konnten wir ganze 2 Schränke aufhängen. Völlig entnervt gaben wir danach auf. Ich beschloss, dass es an diesem Abend eine Flasche Wein gab, auch wenn mir nach zwei Flaschen zumute war.

Am nächsten Tag ging fast alles gut, bis wir, beim letzten Schrank angekommen, feststellten, dass die Aufhängung genau auf einer Stromleitung liegen würde. Das fehlte auch noch zu unserem Glück. So konnte der Schrank auf keinen Fall aufgehängt werden. Eine pragmatische Lösung musste her. Ich hatte schon vor meinem Auge ein abruptes Ende der oberen Schrankreihe gesehen. Nach einer langen Beratschlagung haben wir uns dafür entschieden, den letzten Schrank mit dem Schrank davor zu verschrauben und ihn nur an einer Stelle zu befestigen, wo keine Stromleitung liegt. Etwas ängstlich, ob das ganze auch wirklich zu halten vermag, versprühte mein Vater hingegen regelrechten Feierabendoptimismus: „Den Schrank kloppt niemand mehr los!“  

Nun mussten wir nur die Griffe anbringen und die Schutzfolien der Fronten abziehen, so war unsere Vermutung. 

Beim Abziehen der Folien kam jetzt zum Vorschein, dass die letzte Schranktür fehlerhaft produziert war und ausgetauscht werden musste. Langsam hatte ich die Schnauze voll. Ein Anruf beim Kundenservice der skandinavischen Möbelbauer bestätigte zumindest die vorbildliche Kulanz. Ein Austauschpaket wurde auf den Weg gebracht und würde mich in einer Woche erreichen. Soweit so gut! Beim Einlegen der Böden hingegen stellten wir nun allerdings noch fest, dass für jeden Schrank nur ein Regalboden enthalten ist und dementsprechend auch nur 3 Bohrungen in der Mitte der Schränke für den Boden werkseitig vorgenommen wurden. Eine Fahrt in den heimischen Baumarkt sollte Abhilfe schaffen. Hier ließ ich für jeden Schrank weitere Regalböden zuschneiden und kaufte weitere Bodenträger. Diese konnten natürlich nur die Böden halten, wenn weitere Bohrungen für die zusätzlichen Böden gebohrt würden. 

Ein weiterer Nachmittag mit der – ich nenne es mal – persönlichen Individualisierung meiner Küche ging ins Land. 

Letztlich liegt es aber am System dieses Möbelhauses, dass man vorher ganz genau wissen sollte, was man benötigt. Anpassungen sind möglich, aber für die Nerven schwer zu ertragen. Wenn man nicht handwerklich mit allen Wassern gewaschen ist, versagt man schon innerhalb kürzester Zeit und die gekauften Möbel können an die Straße zum Sperrmüll gestellt werden. Dank des unermüdlichen Einsatzes meines Vaters steht meine Küche, sieht super aus und wird mir viel Freude bereiten. Nicht zu vergessen sind die vielen Stunden des gemeinsamen Hämmerns und Bohrens mit ihm, die mir trotz aller Widrigkeiten viel Spaß gemacht haben. Baue eine Küche auf und du lernst für‘s Leben.